Schon lange bin ich der ganz klaren Auffassung, dass unser deutsches Schulsystem nicht funktioniert, bzw. große Schwachstellen aufweist. Insbesondere empfinde ich die fehlende Individualität, mit der die Schüler*innen lernen, als ein enormes Problem.
Es gibt einen Stundenplan, vorgegebene Fächer zu vorgegebenen Zeiten und vorgegebene Inhalte – und das finde ich fatal.

Heute habe ich am eigenen Leib so sehr gespürt, wie wichtig die Individualität für erfolgreiches Lernen (Arbeiten) oder eben die sinnvolle und wirksame Gestaltung des Lebens ist.
Ich bin ein absoluter Morgenmensch. Egal was ich am Tag zu tun habe, es ist immer sinnvoll die wichtigsten Dinge in den ersten Stunden des Tages zu erledigen. Sei es zum Sport zu gehen, zu arbeiten, oder oder oder. Das, was ich morgens erledige, funktioniert. Nachmittags geht es auch wieder einigermaßen gut, aber vor allem mittags bin ich oft vollkommen unproduktiv.
Seit März 2020 bin ich selbstständig und auch wenn ich es schon zuvor immer als einen Grund dafür genannt habe, ist mir jetzt erst so richtig bewusst geworden, dass die Möglichkeit, meine Zeit frei einzuteilen und meine Arbeit an meinen persönlichen Rhythmus anzupassen, das Wichtigste für mich ist.
Gestern hatte ich einen ganz schlechten Tag. Irgendwie war ich übellaunig, habe mich ganz untypisch über irrelevante Dinge geärgert und wusste gar nichts mit mir anzufangen. Und heute, wo alles wieder gut ist, weiß ich auch woran es lag. Ich habe nicht auf meine individuellen Bedürfnisse geachtet.
Ich habe die Dinge, die ich geplant habe, in einer Reihenfolge abgearbeitet wie ich es sonst selten mache. Ich habe mich überhaupt nicht bewegt, weil ich mir nur die Mittagszeit dafür frei gehalten habe und so kam eins zum anderen und ich saß am Nachmittag da, habe festgestellt, dass ich mich permanent habe ablenken lassen, hatte viel zu wenig geschafft und war vollkommen unzufrieden.

Dies Umstände sind mir so extrem aufgefallen, weil ich sie seit dem Beginn meiner Selbstständigkeit gar nicht mehr kannte. Bisher habe ich gut auf mich gehört, habe im Großen und Ganzen immer die Dinge getan und erledigt, die gerade zu meinem Rhythmus passten und war so produktiv und vor allem auch glücklich.

Und da fällt mir der Bezug zur Schule so sehr auf. 

Wie ich mich gestern gefühlt habe, irgendwie immer in der falschen Laune für gewisse Dinge, vollkommen unfähig, mich zu konzentrieren, permanent bemüht, trotzdem das zu tun, was jetzt irgendwie ansteht und dennoch vollkommen erfolglos – so kann es Schüler*innen jeden Tag gehen.
Eine zeitlich vorgeschriebene Abfolge von Themen, strukturiert in einen ebenso vorgeschriebenen Stundenplan und keinerlei Möglichkeiten, selbstbestimmt vorzugehen – wie kann man das den Kindern und Jugendlichen antun?
Mich hat gestern immerhin gerettet, dass ich an verschiedenen Projekten arbeite und dass ich die Nachmittagszeit, in der ich auch meistens gut arbeiten kann, für das Projekt nutzen konnte, das mir gerade am meisten Spaß macht und das ich deshalb auch am einfachsten voranbringen konnte. Aber auch das können die Schüler*innen nicht. Wenn Mathe ansteht, kann man nunmal nicht Deutsch machen.

Okay, mir ist durchaus bewusst, dass man im Leben auch lernen muss, sich durch Dinge durchzubeißen, die einem gerade keinen Spaß machen und dass sich nicht immer alles nach den eigenen Bedürfnissen richten kann. Aber warum geht man den Schüler*innen denn kein Stück entgegen?

In meinen Deeskalationstrainings gibt es immer einen Teil über Regeln und Grenzen. Ich analysiere mit den Teilnehmenden welche Regeln in den Einrichtungen bestehen, die regelmäßig für Eskalationen sorgen und frage hier und da auch nach, warum diese Regel eigentlich so besteht.
Die häufigsten Antworten sind absolute Klassiker: „Die gibt es hier schon immer.“, oder „Das läuft hier eben so.“, „Anders geht es nicht“.
Aber ganz häufig stellen wir gemeinsam fest, dass man diese Regeln wenigstens mal ein klein wenig hinterfragen könnte.
Die meisten Grenzen bestehen nämlich in unseren Köpfen und gerade in der Schule schwingt immer dieser Beigeschmack mit, dass es dabei ja nicht um Spaß für die Schüler*innen geht.
Aber warum denn nicht?
Ist es nicht vollkommen logisch, dass Kinder und Jugendliche, die Spaß haben, viel besser lernen? Ist es nicht absolut sinnvoll, dass sie beispielsweise durch eine freiwillige Auswahl der Themen viel motivierter wären sich Wissen anzueignen? Und kann nicht jede*r nachvollziehen, dass eine flexible zeitliche Strukturierung den Schüler*innen zu so viel mehr Lernerfolg verhelfen würde?
Schule kann auch mal anstrengend und nervig sein, das ist vollkommen klar. Aber das muss sie doch nicht allein durch ihre Organisation sein.

Also: Warum den Schüler*innen nicht entgegen kommen? Warum ihnen keine Entscheidungen überlassen? Warum ihnen nicht (wenigstens im Kleinen) die Verantwortung für ihr eigenes Leben geben?

Und wer jetzt sowas denkt wie „Das geht niemals gut.“ oder „So würde das nicht funktionieren.“ – Denkt bitte nochmal an die Grenzen, die nur im Kopf existieren. Die Frage sollte nicht sein „Geht das?“ Sondern „WIE geht das?“.