Vor Kurzem habe ich morgens auf der Straße eine Szene gesehen, die mich stark mitgenommen und langfristig beschäftigt hat.

Eine Mutter trug ihre ca. fünf Jahre alte Tochter auf dem Arm und das Mädchen schrie und schlug auf seine Mutter ein.
Sie schrie aber nicht so etwas wie „Du dumme Mama“, sondern lauthals und vollkommen verzweifelt: „Mama lass mich bitte los.“

Da wir denselben Weg hatten, bekam ich mit, dass das Mädchen wohl am Morgen stark getrödelt hatte und die beiden nun zu spät kamen. Vielleicht in die Kita.
Irgendwann lies die Mutter das Mädchen los, nahm ihre Hand und zog sie neben sich her. Das Mädchen weinte und weinte.

Was war jetzt das Problem an dieser Szene und vor allem: Wie könnte man alternativ damit umgehen?

Vor allem hat das Mädchen in dieser Situation auf ganzer Linie ihre eigene Machtlosigkeit gespürt. 
Es gibt ein natürliches Machgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern, was auch nicht weiter schlimm ist, wenn man sich dessen bewusst ist und an einigen Stellen darauf achtet.
In diesem Moment hat die Mutter allein durch ihre körperliche Überlegenheit all ihre Macht über das Kind ausgeübt.
Obwohl das Kind ganz klar und deutlich formuliert hat was es möchte und dabei sogar „bitte“ gesagt hat – was man ja permanent anfordert – hat die Mutter nicht darauf reagiert.
Das Mädchen lernt daraus: Meine Stimme ist nichts wert und es ist egal was ich mache, ich habe keine Chance.

Nun möchte ich die Mutter natürlich auch nicht schlecht machen. Ich kenne die Frau nicht und ich habe kaum etwas zu der Situation erfahren. Wahrscheinlich war sie selbst absolut überfordert.
Aber was hätte sie tun können?

Jetzt in der Sekunde: Zu spät kommen. 
Sie hätte das Wohl ihres Kindes und die Beziehung der beiden über die Pünktlichkeit stellen können und vielleicht an anderer Stelle mit ihrer Tochter darüber sprechen können, warum man sich manchmal eben beeilen muss.

Alternativ: Sagen wir die Mutter hatte den wichtigsten Termin ihres ganzen Lebens und zu spät kommen wäre keine Option gewesen – wir wissen es nicht – Was hätte sie tun können? Sie hätte wenigstens mit ihrer Tochter darüber sprechen können. Sie hätte sagen können: „Es tut mir total leid, dass ich dich jetzt tragen muss, aber es ist ganz wichtig, dass ich heute pünktlich bin. Ich verstehe, dass das für dich gerade ganz blöd ist und du wütend bist. Leider weiß ich gerade auch keine andere Lösung.“, oder etwas in diese Richtung.

Und – ich wiederhole, ich weiß nicht, was an diesem Morgen in der Familie abgelaufen ist – wenn man den wichtigsten Termin der Welt hat und gleichzeitig eine fünfjährige Tochter, dann sollte man wahrscheinlich mit noch mehr Zeitpuffer planen, als man es sowieso schon tut.

Das Sache ist nämlich die: Es ist nicht in jeder Situation einfach Lösungen zu finden. Es gibt zwar meistens welche, aber gerade unter Stress ist man häufig nicht so gelassen, um diese Lösungen auch zu sehen.
Aber es gibt unzählige Möglichkeiten IM VORFELD dafür zu sorgen, dass solche stressigen Situationen gar nicht erst entstehen.

Und das Wichtigste:
Eine reflektierte Kommunikation bedeutet nicht nur darauf zu achten was man sagt, sondern genauso darauf zu achten was man hört.
Wenn ein Kind weinend darum bittet, losgelassen zu werden und gerade keine Selbst- oder Fremdgefährdung besteht, dann sollte dieser Bitte immer nachgegangen werden!