Der Begriff der professionellen Haltung ist allen Pädagog*innen durch Studium oder Ausbildung bekannt. Man hat gehört, dass die pädagogische Haltung Einfluss auf die tägliche Arbeit und die Beziehung zu den Kindern hat und dass die „richtige“ Haltung deshalb äußerst wichtig ist. Aber was ist diese „richtige“ Haltung überhaupt? Ist die professionelle pädagogische Haltung universell und allgemeingültig? Sollten alle Pädagog*innen dieselbe Haltung haben? Hat die eigene Geschichte Einfluss auf die Haltung? Ist die Haltung Voraussetzung, um im pädagogischen Bereich arbeiten zu können? Ist sie angelegt oder vermittelbar? Bleibt sie über die Zeit starr? Oder verändert sie sich?

Inklusion, kulturelle Konflikte, Mobbing und Gewalt sind nur einige der herausfordernden Themen mit denen sich Pädagog*innen aktuell auseinandersetzen müssen. Personal- und Zeitmangel sowie komplexe Elternarbeit kommen dazu, was die Umsetzung der eigenen Ideale und das Arbeiten nach den eigenen Werten nicht immer einfach macht.
Die Herausforderungen vor denen Lehrer*innen, Erzieher*innen und alle anderen pädagogischen Fachkräfte stehen, sind hoch, weshalb, Selbstreflexion, Haltung und Positionierung im sich verändernden pädagogischen Diskurs wichtiger sind denn je.

Klar ist, eine professionelle Beziehung zwischen Fachkräften und Kindern und Jugendlichen ist Grundlage und Voraussetzung für Bildung und Erziehung.
Pädagog*innen sollten sich emphatisch in die Gefühlswelt der Kinder und Jugendlichen einfühlen können, aber dennoch deren Probleme nicht mitfühlen. Emotionen sollen wahrgenommen und die Perspektive eingenommen werden können. Trotz aller Empathie und dem Willen zu helfen, wäre es jedoch utopisch zu erwarten, alle Probleme lösen zu können. Aber: Allein das Hinschauen, das Erkennen der Situation und die Kommunikation dieser Wahrnehmung kann für die Kinder entscheidend sein. Ein „Ich sehe, dass Du…“ kann teilweise schon „genug“ sein.

Was hat die pädagogische Haltung nun damit zu tun?
Im Wesentlichen gründen die eigene Weltanschauung, die Vorstellung eines Menschenbildes und die eigenen Werte in der pädagogischen Haltung.
Um in Kitas, Schulen oder offenen Jugendhilfeeinrichtungen zu arbeiten, genügt die Aussage „Ich arbeite gerne mit Kindern“ schon lange nicht mehr. Offenheit und auch ein gewisses Verständnis der gesamtgesellschaftlichen Lage und des pädagogischen Diskurses sind notwendig, um „gute Arbeit“ zu leisten.
Für mich bedeutet die professionelle pädagogische Haltung, die Kinder und Jugendlichen immer vor dem Hintergrund ihrer Sozialisation und Lebenswelt zu betrachten und immer das Bedürfnis zu haben, an Ursachen statt an Symptomen anzusetzen. Außerdem gehört natürlich Offenheit dazu und die grundsätzliche Einstellung, dass alle Menschen gleich sind und deshalb auch den gleichen Umgang verdient haben. Egal ob ein Kind einen täglich auf die Palme bringt, oder eben nicht.

Die Grundhaltung ist entscheidend für die Beziehung und die Beziehung ist entscheidend für das Gelingen der Bildung.

Bildung gelingt durch Beziehung. Beziehungen kann man aber nicht einfach haben, sie müssen hergestellt werden. Dazu benötigt es ein Zugehörigkeitsgefühl, welches den Kindern ausnahmslos vermittelt werden sollte und ebenso Aufgaben, an denen sie wachsen können.
Lernen durch Wissen einhämmern ist schon lange nicht mehr zeitgemäß. Kinder müssen lernen, Eigeninitiative zu zeigen und das können sie nur, wenn die Pädagogen für die intrinsische Motivation sorgen.
Wie entsteht eine intrinsische Motivation? Die Kinder müssen verstehen, warum sie lernen sollen. Kinder sollen lernen, welche gesamtgesellschaftlichen Themen bestehen und dass es für sie wichtig ist, sich im späteren Leben mit diesen zu beschäftigen, weshalb sie jetzt darauf vorbereitet werden müssen.

Und auch Scheitern gehört dazu, weil Kindern sonst keinen Handlungsmut entwickeln. Deshalb MÜSSEN Pädagoginnen den Kindern vermitteln, dass Fehler vollkommen in Ordnung sind.

Sensibilität spielt eine ebenso entscheidende Rolle. Besonders Pädagog*innen, die schon lange im Beruf sind, laufen Gefahr durch ihre Erfahrung gehindert zu werden. Es besteht die Möglichkeit abzustumpfen, weil man konkrete Situationen schon unzählige Male erlebt hat und vermeintlich den Ausgang kennt. Jede Situation ist genau wie jedes Kind voneinander zu unterscheiden. Die Bewertung der Situation obliegt nicht den Pädagogen, sondern immer den Kindern.

Beispiel: Der Ausflug ins Schwimmbad wird abgesagt. Der sportliche Max, der seine Klassenkameraden beeindrucken wollte, ist traurig und reagiert vielleicht sogar ärgerlich und wütend. Die schüchterne und leicht übergewichtige Lisa, die sich vor der Klasse auf keinen Fall im Badeanzug zeigen möchte, ist erleichtert.
Ein wichtiger Bestandteil der professionellen pädagogischen Haltung ist das Verständnis davon, dass jedes Kind IMMER einen Grund für sein Verhalten hat.

Meiner Meinung nach gehört zur professionellen Haltung nicht nur die Achtung und Wertschätzung den Kindern gegenüber, sondern auch den Kolleginnen. Der Umgang miteinander zeugt nicht nur von Respekt und Voraussetzung für die Arbeit im Team, sie ist außerdem prägend für die Kinder, die die Pädagog*innen als Rollenvorbilder wahrnehmen.

Natürlich darf bei all dem die eigene Persönlichkeit der Pädagog*innen nicht hintenangestellt werden. Wer das versucht, wird schnell an seine Grenzen kommen. Authentizität ist hier die Schlüsselkompetenz. Selbstverständlich haben auch Pädagogen ihre eigenen Bewertungen von Situationen und diese dürfen kommuniziert werden. Wichtig ist dabei nur immer ehrlich zu bleiben.
„Für mich ist das gerade nicht schön, weil…“
Auch Überforderung und Unzufriedenheit gehören dazu und dürfen gezeigt werden. Niemand – und erst recht nicht die Kinder – erwarten von Pädagogen Perfektionismus. Im Gegenteil: Indem sie Menschlichkeit vorleben, ermutigen sie auch die Kinder, menschlich zu sein. Die Kinder müssen lernen, dass nicht immer alles nur einfach und spaßig ist. Das Leben steckt voller Herausforderungen und es geht darum, mit diesen umzugehen.