„Die sind eigentlich alle unbeschulbar.“

Vor Kurzem war ich auf einer Fortbildung, an der sowohl Fachkräfte der Jugendhilfe, Ubus Kräfte und Lehrer*innen teilgenommen haben.
Jede*r hat von der individuellen Situation an der eigenen Schule erzählt und so kamen sowohl positive als auch negative Geschichten an die Oberfläche.

Während der Mittagspause, also als alle vielleicht auch ein Bisschen weniger über die eigene Art der Artikulation nachgedacht haben, ging es um „I-Klassen“ und die verschiedenen Umgangsformen mit Kindern mit Beeinträchtigungen, beziehungsweise verschiedenen Auffälligkeiten im Sozialverhalten.

Da ich ursprünglich aus dem Arbeitsfeld Inklusion komme und mit Sicherheit auch besonders sensibilisiert bin, musste ich mich bei den Gesprächen sowieso immer ein wenig zurückhalten, um nicht zu belehrend aufzutreten, aber irgendwann musste es dann doch raus.

Ein Kollege erzählte, an seiner Schule gäbe es eine Klasse, in der alle Konflikte, die man so aus dem Schulkontext kennt, zusammenkommen. „Da sitzen Kinder zusammen, die sind eigentlich alle unbeschulbar.“

Von mir kommt in solchen Fällen dann immer erst die Nachfrage, warum diese Kinder denn nicht beschulbar seien.
Meistens sind die Antworten, dass sie sich nicht in die Klasse integrieren können oder wollen, dass sie nur stören, dass sie kognitiv so eingeschränkt sind, dass sie sowieso nicht am Klassengeschehen teilnehmen können und dass es eigentlich nur die Zeit der Pädagog*innen beansprucht, aber zu überhaupt nichts führt.
In diesem Fall war es auch so. In der Klasse sind so viele Kinder, die differenziert unterrichtet werden müssen und es ist überhaupt nicht möglich, das zu gewährleisten und alle Beteiligten kommen an ihre Grenzen, beziehungsweis darüber hinaus.
Okay, das ist nicht so toll.

Aber ist die Schlussfolgerung dann wirklich, dass die Kinder nicht beschulbar sind?

Sollte die Frage nicht viel eher sein, was sich an der aktuellen Situation ändern müsste, damit sie in der Schule zurechtkommen, sich wohl fühlen, lernen können UND dass die Situation auch für das Personal vertretbar ist?

Ich bin absolut davon überzeugt, dass die Frage in diese Richtung gehen muss. Was können wir tun, damit niemand unter der Situation leidet?

Natürlich ist mir auch bewusst, dass die Antwort auf diese Frage nicht eben mal in einer Teamsitzung gefunden werden kann und dass da an ganz anderen Stellen gearbeitet werden muss.
Aber irgendwo muss man ja anfangen. Und einfach nur zu sagen, dass das Andere entscheiden müssen, gilt schon lange nicht mehr.

Sich selbst erstmal darauf einzulassen, dass das „Problem“ nicht die Schüler*innen und deren Verhalten ist, sondern die Situation, öffnet meiner Meinung nach schön einige Türen. Die Grenzen von „Das geht nicht.“ sind häufig so in unseren Köpfen verankert, dass es unmöglich ist, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Wenn man zulässt, mal ins Blaue hinein zu spinnen und völlig losgelöst von jeder Realität überlegt, was die einzelnen Beteiligten bräuchten, um aufgefangen zu werden, dann gibt es mit Sicherheit immer den ein oder anderen Punkt, der sich doch irgendwie in die Praxis übertragen lässt.

Denn hey – ist es nicht „unsere“ Aufgabe, für eine Schule zu sorgen, die alle Kinder Willkommen heißt?